Das Vorwort zu dem 2014 (auf Tschechisch) erschienenen Buch
"Was passierte mit Aschenputtel nach der Hochzeit?"
Die Märchen- und Mythenaufstellungen

Schon mehrere Jahre und immer kurz vor Weihnachten leite ich ein unübliches Aufstellungsseminar. Darin stellen wir weder Familien-Systeme, noch lösen wir Konflikte mit Verwandten, wir heilen keine Traumata aus der Kindheit und lösen keine Fragen von Schuld und Sühne, sondern schauen in die Tiefe von Märchen und Mythen, die uns als Kinder oder Jugendliche beeinflusst haben.

Diesen Workshop besuchen hauptsächlich zwei Typen von Menschen. Die einen haben schon viele Aufstellungen hinter sich, kommen regelmäßig jedes Jahr und freuen sich auf das Seminar ähnlich, wie sich manche Erwachsenen auf die (zumindest im tschechischen Fernsehen) jedes Jahr ausgestrahlten alten Märchenfilme freuen. Nur dass die aufgestellten Märchen jedes Mal anders ausgehen.

Die anderen nehmen teil, weil sie glauben, dies sei ein geeigneter Eintritt in die Welt der Aufstellungen. Meistens haben sie ein bisschen Angst und wollen (noch) nicht ihre "private" Haut zu Markte tragen. Sie trauen sich nicht, vor allen Teilnehmern über ihre individuellen Schwierigkeiten zu sprechen und sich so zu öffnen. Die alten Märchen, die jeder kennt, erscheinen ihnen ausreichend sicher und harmonisch, so dass sie nicht befürchten, etwas Persönliches von sich geben zu müssen.

Diese Gruppe der Teilnehmer ist gegenüber der ersteren freilich im Nachteil. Erstens kann die Aufstellung auch des harmonischsten und unschuldigsten Märchens eine große Tiefe und Intensität erreichen und versteckte Traumata, Befürchtungen oder vergessene Gefühle hochholen. Und zweitens brauchen wir, um die Verwindungen und Geheimnisse einer Märchen- oder Mythos-Aufstellung richtig auskosten zu können, eine gehörige Portion der "mythologischen Wahrnehmung". Das ist die Wahrnehmung dessen, was sich der alltäglichen Logik entzieht, was über oder neben der strikten und nüchternen Rationalität existiert. Es ist eine Wahrnehmung, die verbunden ist mit Intuition, mit dem Empfinden durch das Herz, etwas, das uns beim Erzählen die Haare sträuben lässt oder die Tränen in die Augen treibt. Wir haben diese Art, die Welt zu sehen, schon beinahe vollständig vergessen. Zum Glück können wir die Fähigkeit, so zu empfinden, üben - zum Beispiel in den Aufstellungen.

Wer nach den vielen Jahren der Vernunft wieder die Märchen und Sagen erlebt, begegnet der vergessenen, ja abgewandten und versteckten Seite seines Selbst. Das, was wir als Kinder geglaubt haben, was uns die Großmutter vor dem Einschlafen erzählte oder der nach der Arbeit erschöpfte Vater vorlas, was wir heimlich unter der Bettdecke im schwachen Licht der Taschenlampe verschlungen oder im Kino oder im Fernsehen gesehen haben, all das kann uns in eine Landschaft führen, die wir sonst kaum betreten, denn für diese Besuche bleibt im alltäglichen Leben keine Zeit. Wir sind nämlich der Meinung, dass die Begegnung mit der alten Hexe, die im Häuschen auf einem Hühnerbein wohnt, uns in keinerlei Weise mit unserer Hypothek hilft, dass der Ausflug ins Zauberschloss nicht unser krankes Kind heilen kann und der Kuss des Schneewittchens im gläsernen Sarg nicht besseren Sex mit der Ehefrau bringt. Aber da irren wir.

Freilich gibt es zwischen den beiden Welten - zwischen der "normalen" Realität und der mythologischen Landschaft - keine vierspurige Autobahn. Das, was auf der einen Seite passiert, wird auf der anderen keine unmittelbaren Folgen haben, weder als ein Hindernis, noch als ein Nutzen. Dennoch sind die beiden Welten verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Ihre Verbindung und die Zusammenarbeit zwischen ihnen kann sich zum Beispiel in einem tiefen Verständnis dessen zeigen, was normalerweise hinter dem Vorhang des Gewöhnlichen und Vernünftigen versteckt bleibt. Wir können dann Zusammenhänge begreifen, die wir ohne die Verwurzelung in beiden Welten erst gar nicht sehen können. Unsere Intuition kann durch die Wanderung zwischen Mythos und Realität geschärft werden, ja es können verstärkt jene seltsamen Ereignisse und Zufälle auftreten, die in den Märchen "Wunder" genannt werden.

Die Bedeutung der mythologischen Wahrnehmung (ich spreche manchmal auch von der "meta-logischen Wahrnehmung", also von dem, was hinter oder über der Logik liegt) geht aber noch tiefer. Sie zielt direkt auf das, was die westliche Welt in den letzten Jahren ohne Unterlass beschäftigt - nämlich auf die Frage: "Wie weiter?". In allen Krisen der Gegenwart zeigt sich ein gemeinsamer Nenner: Unser Glaube an die reibungslos funktionierende Kontrolle unserer Umgebung und des eigenen Lebens, der durch die Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte der Vorherrschaft der Wissenschaft und der Vernunft genährt wurde, ist in seinem Fundament erschüttert. Die durch unseren Verstand erdachten und konstruierten Großtechnologien, aber auch moderne Staaten und Staatengemeinschaften (zum Beispiel die EU) sind so kompliziert geworden, dass sie nicht mehr effektiv und vor allem rational gesteuert werden können. So sind wir mit unserem Latein in zunehmend vielen Fällen am Ende. Manche machen die Augen zu, manche flüchten sich in noch mehr Rationalität und andere packt die blanke Angst.

Aus diesem Schlamassel sehe ich nur zwei Wege hinausführen, die wir allerdings in den nächsten Jahrzehnten beide gleichzeitig einschlagen müssen. Erstens werden wir zu dem zurückkehren müssen, was die Engländer "small is beautiful" nennen, also zum Zerkleinern des Großen, zur De-Globalisierung nicht nur von großen Korporationen, zur Vermenschlichung des Gigantischen. Wir werden gezwungen, zu kleineren und übersichtlicheren Einheiten zurückzukehren, so zum Beispiel zu familienartigen Gemeinschaften, in funktionierende Netze aus Freunden und Verbündeten, die in der Zukunft anders aussehen werden, als die heutigen, winzigen "Kern-Familien". Das ist der erste Weg.

Den zweiten sehe ich im Aufgeben des Anspruchs auf die allumfassende Kontrolle. Wir werden also nicht nur die Welt verkleinern (und damit auch die Verwaltungseinheiten), sondern auch uns selbst. In einer gewissen Hinsicht werden wir wieder zu Kindern, die die Größe dessen, was größer ist als sie, auch wahrnehmen und anerkennen. Und die sich daran erfreuen können. Dieser zweiter Weg steht weder im Widerspruch zur Wissenschaft, noch ist es eine Negation der individuellen Freiheit, er ist eine Ergänzung von beidem. Er repräsentiert die not-wendige und längst hinfällige Vervollständigung der hypertrophierten vernunftorientierten Perzeption unserer Welt, der allgegenwärtigen logischen Sicht auf die Dinge. Es ist der Weg nach Hause, zurück zur Menschlichkeit. Es ist eine Rückkehr in das ganzheitliche Bewusstsein. Die mythologische Wahrnehmung führt uns zu mehr Demut, Hingabe und zum Anerkennen der Tatsache, dass wir immer nur ein Teil des Größeren sind. Wir werden gewahr, dass unsere individuelle Existenz, die wie eine einsame Bergspitze aus dem Weltmeer ragt, unter der Wasseroberfläche mit anderen Inselbergen verbunden ist.

Auf diesem Weg lernen wir, uns wieder wundern zu dürfen, ohne dass wir "verstehen". Nur so können wir die gegenwärtige Inflation der einseitigen, zum Teil auch unsinnigen und widersprüchlichen Antworten stoppen, die wir auf komplexe Fragen glauben geben zu müssen. Stellen Sie sich bloß vor, wie es wäre, wenn Politiker, Ökonomen, Berater jeglicher Couleur es wagten zu sagen: "Ich weiß es nicht". Denn nur so, ohne gleich Dutzende Antworten auf jede Frage parat zu haben, können wir lernen, zu warten, zu lauschen, und die wirklich richtigen Fragen aufkommen zu lassen. Nur so können wir es aushalten, wenn uns, zumindest am Anfang, niemand antwortet. Nur so sind wir imstande, die Zeiten der Stille zu ertragen. Das ist der Weg der Hinwendung zur eigenen und kollektiven Intuition, dem globalen Begreifen und dem lokalen Handeln. Die Mandragora flüstert leise und das Einhorn schweigt. Deshalb werden wir sie, die Märchen und Mären, zuerst auch nicht verstehen - und das ist in Ordnung. Doch das kann sich bessern, nachdem wir, inspiriert durch die Gegenwart des Fabelhaften, einen Schluck vom Zaubertrank gekostet haben und plötzlich alles, was die Tiere, Bäume und Pflanzen miteinander sprechen, verstehen werden.

Wir alle sehnen uns nach der verlorenen Welt der Märchen und Mythen, doch gleichzeitig glauben wir fest daran, dass "leider, leider, die Realität ja ganz anders ist". Und doch sind die Kinos voll, wenn Filme wie "Herr der Ringe", "Avatar", "Piraten der Karibik" oder "Alice im Wunderland" gezeigt werden. Unter den fünf Super-Bestsellern auf dem Büchermarkt sind es gleich vier, die sich in die Kategorie der (modernen) Märchen und Mythen einreihen lassen: Harry Potter, Der Herr der Ringe, Der kleine Prinz und Der kleine Hobbit. Dieser Widerspruch zwischen dem Gelebten und dem Gewünschten entsteht durch unser verfestigtes Entweder-oder-Denken, durch unsere Auffassung der Wahrheit als etwas, was man eindeutig definieren beziehungsweise herausfinden kann. Bei der Heilung von dieser epidemischen Krankheit der Vernunft helfen uns die nicht exakten, quasi flüssigen Ergebnisse der Aufstellung weiter, die viel mehr Fragen aufwerfen, als beantworten.
Dieser Weg, auf dem wir unsere Fähigkeit schärfen, das zu spüren, was sich in und hinter den Mythen und Märchen versteckt, führt uns am Ende zur Weisheit. Die ist paradoxerweise genau das Gegenteil vom Anhäufen von Informationen, also der wissenschaftlichen Bildung. Wir erreichen die Weisheit nicht durch mehr "Input", wie es der Außerirdische E.T. verlangt, sondern durch das Stellen der ewigen und nie vollständig zu beantwortenden Frage: "Was bedeutet das alles?".

Möge dieses Büchlein seinen Leser auf diesem Weg ein Weilchen begleiten.

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