Radim Ress: Archetypischen Gestalten

R. Ress verbindet in seiner Arbeit die Voice-Dialogue-Methode mit NLP, Systemaufstellung und Trauma-Arbeit. Internet: www.ress.cz

Die Zukunft der Menschheit wird in hohem Masse von der Schattenerkenntnis abhängen.
(C. G. Jung, Briefe II, 169)

Archetypisch geprägte Innere Gestalten - also Innere Gestalten, die den Archetypus spiegeln und von dessen Kraft getragen sind, binden an sich jene vitale, ungezähmt wilde und ursprüngliche Kraft, die sich kulturell bedingt zurückgezogen hatte, doch nicht verschwunden ist. Sie hatte sich zurückgezogen, indem sie von den historisch späteren, vorwiegend christlich geprägten Bildern überlagert wurde, und in Folge dessen in ein Schlaf verfiel.

Wenn diese Inneren Gestalten im methodologischen Rahmen externalisiert, und vom Begleiter (oder Therapeut) angesprochen werden, erschließt sich ihre ursprüngliche Kraft zuerst über energetisch hoch geladene Bilder walkürhafter Hohepriesterinnen, teutonischer Krieger, oder anderer kulturellbedingten Varianten. Auf diesem Wege kommen die archetypisch geprägten Inneren Gestalten in Bewegung, denn sie sind lebendig wie eh und je.
In der postmodernen Reaktion auf den Machtmissbrauch und zerstörerische Gewalt, die sich tatsächlich durch die Geschichte wie ein roter Faden ziehen, wurde diese archaische Kraft unterschiedslos negativ besetzt und als solche abgelehnt. Doch weder in der "äußeren" Politik, noch im Innenverhältnis der Kräfte im Menschen kann langfristig ein Machtvakuum bestehen.

Verzicht auf die eigene Macht, die wesentlich dem Selbsterhaltungstrieb dient, wirkt wie eine Einladung für den Machtmissbrauch und Gewalt von außen. In der Arbeit mit den Inneren Gestalten geht es jedoch darum, die ursprüngliche Kraft und ihre negative Besetzung durch Gewalt wie Weizen vom Spreu zu trennen. Nach der unterscheinenden Verwandlung kann diese Kraft als vorwärtsstrebender Impuls im Dienste des Lebens stehen, und/oder sich auch als wache Wehrkraft erweisen.

Wenn diese Innere Gestalten in der Zeit des modernen Bewusstseins erwachen, erscheinen sie dem modernen Bewusstsein zuerst mal fremd bis barbarisch. Ihre vorchristliche Prägung deutet auf eine spezifische Tiefe in der Seele, die nicht auf das moderne Bewusstsein reduziert werden kann. Solche reduktionistischen Versuche, die der Verdrängung dieser Kräfte gleichkommen, haben sich stets gerächt, da die verdrängten archaischen Kräfte bloß auf die günstigen Umstände - wie auf eine Sollbruchstelle - warten, um das moderne Bewusstsein in einem Sturm hinwegzufegen.

Das moderne Bewusstsein ist in Folge der Ausblendung dieser Kräfte auch gegenüber den ersten Anzeichen ihres erneuten Ausbruchs oft blind, zumal es auf das Bekämpfen der letzten historischen Form von diesem Ausbruch (z.B. des Nationalsozialismus) fixiert ist. Die archaischen Kräfte jedoch scheinen nicht nur ungezähmt wild, sondern auch überaus schlau und listreich zu sein (in etwa wie der nordische Gott Loki). So erscheinen sie immer in einer neuen, unerwarteten Form, und verhüllen sich sogar in eine scheinbar moderne Ummantelung, um diese nach ihrem erneuten Ausbruch rasch abzuwerfen.

Das moderne Bewusstsein wird am Ende immer überlistet, und statt die Schuld seiner eigenen unreflektierten Blindheit den archaischen Kräften gegenüber zuzuschreiben, schreibt es die Schuld den "unerwarteten" und "unglücklichen" historischen Umständen zu, die sich aber "nie wieder wiederholen dürfen", wie es dann in lächerlichen politischen Proklamationen heißt, die bei den archaischen Kräften wirklich keinen Eindruck hinterlassen.

Das moderne Bewusstsein, das auf seiner Superiorität besteht, bereitet sich damit schon seine nächste Niederlage vor. Solange die im Unbewussten waltenden archaischen Kräfte nicht mit Respekt anerkannt und tiefgründig erforscht werden, finden sie immer einen Weg, um in neuen historischen Kulissen und einem neuen Kostüm auf die Bühne zu treten. Nicht von ungefähr sind sie archetypisch. Archetypus kann als eine Urform betrachtet werden, die immer dann in einer Neuauflage erscheint und zu Tage tritt, wenn die Bedingungen für ihr Erscheinen erfüllt sind.

Im Rahmen des Einzelnen werden Innere Gestalten archetypischer Prägung von nicht minder machtvollen Überlebensstrukturen zurückgehalten, die kulturgesellschaftlich entstanden sind. In dieser Funktion wirken sie als ein starker Kulturintrojekt in uns.

Da dieser Kulturintrojekt im Rahmen einer Gesellschaft ein Massenphänomen darstellt, tritt er sowohl als äußere, wie auch innere Zensur zutage - als ein Filter der Wirklichkeit, der die unerwünschten Phänomenen ausblendet, umdeutet oder negativ besetzt, in der Annahme ihrer "positiven" Verarbeitung. Auf der Oberfläche mag sich demzufolge die Mehrheit in dieser kollektiven Überlebestruktur eingeübt haben, um dem erwünschten Bild eines korrekten, aufgeklärten Bürgers zu entsprechen, dem jedes gewaltschürendes Gedankengut fremd ist. Doch nur so lange, bis das gesellschaftliche Gleichgewicht hält. Sobald es umkippt, lebt die Masse - einer entgegenlaufenden Dynamik folgend - umso mehr das Verdrängte aus. Die Verdrängung bedingt langfristig den späteren Ausbruch des Verdrängten in der rohsten Form. Verdrängung ist keine Verarbeitung und Verwandlung.

Der Alte Heraklit, der wirklich ein großer Weiser war, hat das wunderbarste aller psychologischen Gesetze entdeckt: nämlich die regulierende Funktion der Gegensätze. Er nannte dies die Enantiodromia, das Entgegenlaufen, worunter er verstand, dass alles einmal in sein Gegenteil hineinlaufe. (..) So läuft die rationale Kultureinstellung notwendigerweise in ihr Gegenteil, nämlich in irrationale Kulturverwüstung. (C.G. Jung GW 7, 79f)

Allerdings geht es in dieser Abhandlung nicht so sehr um die Analyse der gesellschaftlichen Massenphänomene, sondern um die Arbeit mit den archaischen Kräften im Einzelnen, die sich als Innere Gestalten abbilden. Das geleitete Aufwachen archaischer Inneren Gestalten geht mit ihrer Bewusstwerdung und Verwandlung einher, was ihre Integration in das Bewusstsein ermöglicht.

Indem die archaischen Kräfte vom Bewusstsein durchdrungen werden, erwachen sie aus dem Schlaf, in dem sie künstlich gehalten wurden. Dies wird als ein immenser Zugewinn an Lebens- und Antriebskraft vom Menschen erfahren. Solange der Mensch nämlich von dieser Kraft abgeschnitten bleibt, lebt er nur auf der Sparflamme. Das ist der Preis für die restlose Identifikation mit den Überlebestrukturen in uns, die die Anpassung an die Gesellschaft leisten.

Natürlich geht es hier nicht um das Schmälern einer geordneten bürgerlichen Existenz oder um das einseitige Hervorheben der archaischen Kräfte. Die Arbeit mit den Inneren Gestalten stellt eine dritte Kategorie dar, die auf ihr Bewusstwerden und Integration in das erwachsene Bewusstsein abzielt. Indem diese ungeheure Kraft bewusst gemacht wird, steht sie dem Einzelnen in einer zugänglichen Form zur Verfügung - als gesunder Selbsterhaltungstrieb, Möglichkeit der Abgrenzung, Inanspruchnahme des eigenen Lebensraumes, Selbstbehauptung, Durchsetzungsvermögen und Kreativitätsquelle. Reale Alternative zu Machtmissbrauch ist nicht die billige Variante eines Machtverzichts (de facto Ohnmacht), sondern bewusster Umgang mit der Macht im Inneren, der seinen adäquaten Ausdruck im Außen findet.

Copyright 2017 by Radim Ress.

Impressum